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Dystopische Gesellschaft
Grundzüge einer dystopischen Gesellschaft
Eine dystopische Gesellschaft weist für gewöhnlich mindestens einen der folgenden Züge aus dieser nicht erschöpfenden Liste auf:
* eine augenscheinlich utopische Gesellschaft, frei von Armut, Seuchen, Konflikten und sogar emotionaler Niedergeschlagenheit. Unter der Oberfläche offenbart sich jedoch genau das Gegenteil. Die zentralen Aspekte der Geschichte sind 1. das Problem an sich, 2. die Art und Weise, wie dieses vertuscht wird, sowie 3. die Chronologie des Problems.
* Soziale Schichtung, wobei die Gliederung der Gesellschaft in soziale Klassen streng definiert ist und ebenso streng durchgesetzt wird. Es fehlt gänzlich an sozialer Mobilität (Kastenwesen).
* ein von der Oberschicht regierter Staat mit wenigen demokratischen Idealen, wenn überhaupt.
* staatliche Propaganda und ein Bildungssystem, das die meisten Bürger in die Anbetung des Staates und seiner Regierung nötigt und ihnen die Überzeugung aufzwingt, das Leben unter dem Regime sei gut und gerecht.
o daraus folgend die Einführung einer Sprache, die Kritik am Staat oder die Organisierung eines Aufstands unmöglich macht, da zu diesem Zweck schlicht die Worte fehlen (siehe Neusprech).
* strikter Konformismus und die allgemein herrschende Annahme, dass Dissens und Individualität ein Übel seien.
* in der Regel gibt es eine Repräsentationsfigur des Staates, die von den Bürgern fanatisch angebetet wird, in Begleitung eines aufwendigen und ins Extrem getriebenen Personenkultes, wie z. B. für die Figur des Großen Bruders in dem Roman 1984 von George Orwell.
* Angst bzw. Abscheu vor der restlichen Welt außerhalb des eigenen Staates.
* die allgemein herrschende Ansicht, das traditionelle Leben (insbesondere die traditionellen organisierten Religionen) sei primitiv und unsinnig. Alternativ dazu die vollständige Dominierung der Gesellschaft durch eine Staatsreligion, z. B. den Engsoz (Englischer Sozialismus, engl. Ingsoc (English Socialism) in dem Roman 1984, oder die Technopriests in der Comic-Buchreihe Der Incal rund um den Privatdetektiv John Difool.
* das „historische Gedächtnis“ der bürokratischen Institutionen hebt das kollektive historische Gedächtnis der Menschen auf oder hat Vorrang vor diesem. Im Roman 1984 ist das Ministerium für Wahrheit mit der Anpassung des „autobiographischen“ gesellschaftlichen Gedächtnisses an die Bedürfnisse des Regimes betraut.
* ein Strafvollzugsgesetz, dem eine angemessene Strafprozessordnung fehlt.
* permanenter Mangel an lebensnotwendigen Gütern für weite Teile der Bevölkerung, u. a. auch Nahrungsmittel-Kürzungen.
* permanente Überwachung durch die Regierung oder ihre Behörden.
* Abwesenheit oder aber vollständige Kooptation einer gebildeten Mittelschicht (z. B. Lehrer, Journalisten, Wissenschaftler), die in der Lage wäre, das herrschende Regime zu kritisieren.
* militarisierte Polizeikräfte und private Sicherheitskräfte.
* die Verbannung der natürlichen (biologischen) Umwelt aus dem Alltag.
* Konstruktion fiktionaler Ansichten über die Realität, die der breiten Masse aufgezwungen werden.
* Korruption, Unfähigkeit oder Usurpation der demokratischen Institutionen.
* vorgetäuschte Rivalität zwischen Gruppen, die in Wahrheit ein Kartell bilden.
* die etablierten Kräfte bestehen darauf, dass
o sie die beste aller möglichen Welten verwirklichen und
o alle innerstaatlichen Probleme durch die Kräfte des (wenn nötig auch fiktiven) Feindes verursacht werden.
* ein übergreifender, langsamer Zerfall aller Systeme (politisch, ökonomisch, religiös, infrastrukturell …), der der Entfremdung des Einzelnen von der Natur, dem Staat, der Gesellschaft, der Familie sowie sich selbst geschuldet ist.
* das Geflecht der gesellschaftlichen Beziehungen und Abhängigkeiten nähert sich einem Nullsummenspiel an.
* Kritik, die trotz repressiver Maßnahmen des Regimes öffentlich wird, wird von der Medien- und Vergnügungskultur der Gesellschaft aufgesaugt, trivialisiert und damit ins Absurde verkehrt, so z. B. in dem Roman Schöne Neue Welt, in dem die Geschichte des Protagonisten „Michel" (in der englischen Ausgabe „John“, auch „The savage“ = „Der Wilde“) von den staatlichen Medien zum reinen Zwecke der Unterhaltung bzw. Vergnügung für breite Bevölkerungsschichten aufbereitet wird.
