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Geistesblitze


Eine Idee muss binnen 72 Stunden in die Tat umgesetzt werden, sonst wird daraus nichts.

Ideenklau im Stau:
Im Wagen vor mir...

Eine gute Idee erkennt man zumeist daran, dass ein anderer sie bereits lange vor einem selbst hatte. Ich erinnere mich noch genau, wie ich einst am Pissoir meiner damaligen Stammkneipe stand und das tat, was ich an dieser Stelle immer machte: ich starrte auf die leicht verdeckte Fliesenwand, während ich nebenher gelangweilt meine Notdurft verrichtete. Plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen: das Geld liegt nicht nur auf der Straße, sondern hängt auch an dreckigen Toilettenwänden.

1 Seite(n), von Raymund Krauleidis
Jeder, der seine Notdurft an einem Pissoir verrichtet, starrt nebenher einfach nur auf die Wand. Bestenfalls bildet er Phantasiefiguren aus den Dreckspritzern der befleckten Kacheln. Somit wäre dies doch der prädestinierte Ort für Werbeplakate, denn ein Wegschauen ist hier nahezu unmöglich!

Ein paar Wochen später hing über jedem Becken eine Werbetafel. Irgend jemand hatte die Idee wohl bereits vor oder zeitgleich mit mir und Selbige auch gleich in ein cleveres Geschäftsmodell umgesetzt. Damals hatte ich mir geschworen, dass mir so etwas nie wieder passiert und ich in Zukunft meine abstrusen Geistesblitze gleich in die Tat umsetzten werde.

Und genau dieser Schwur kam mir heute wieder in den Sinn, als ich mich mit meinem Wagen auf dem Weg zu einem wichtigen Termin befand.

Kurz nach Fahrtantritt, der wieder einmal viel später war als eingeplant, blieb ich mit der Michael-Schumacher-haften Geschwindigkeit von ungefähr 60 km/h hinter einem scheinbar durch Rentnerhand gesteuerten, eierschalenfarbenen Daimler hängen. Modell 200D, Baujahr irgendwann Mitte der achtziger Jahre. Von "Fahren" zu reden wäre in diesem Zusammenhang etwas übertrieben gewesen. Erlaubt waren immerhin 100 km/h.

Ich hatte nun genau zwei Alternativen: entweder rege ich mich gnadenlos auf, schimpfe, fluche und mache wilde Gesten, die - sofern von Freunden und Helfern entdeckt - sehr kostspielig werden könnten oder ich entspanne mich, versuche meinen dringenden Termin zu vergessen und schaue einfach nur gelassen auf die Straße.

Nachdem ich mich zuerst sehr intensiv für Variante eins entschieden hatte wechselte ich aufgrund akuter Erfolglosigkeit meiner Flüche und Drohgebärden gepaart mit einer kleinen Prise Resignation meine Strategie und wurde zunehmend ruhiger und entspannter.

Zwischenzeitlich hatte sich auch noch ein Traktor aufgemacht, unserer Höllenfahrt ein Ende zu bereiten und sich mit der sagenhaften Geschwindigkeit von 25 Stundenkilometer als neuer Pace-Maker der mittlerweile zur stattlichen Kolonne angewachsenen Blechlawine positioniert. Überholen unmöglich.

Es war nun genug Zeit vorhanden, um meinen Gedanken etwas Auslauf zu gönnen. Ich träumte in meiner Lethargie von einer Karriere als Verkehrsminister und stellte mir vor, wie ich den Bundestag mit einer leidenschaftlichen Rede von einem Fahrverbot für Rentner und landwirtschaftliche Nutzfahrzeuge in den Zeiten von sechs bis neun (Rush-Hour hin), elf bis dreizehn (Mittagspause) sowie fünfzehn bis neunzehn Uhr (Rush-Hour zurück) zu überzeugen versuche.
Parallel dazu probierte ich, aus den kleinen Steinchen auf dem Stück Fahrbahn zwischen dem vorausfahrenden Daimler und mir Phantasiefiguren zu bilden. Und genau in diesem Moment hatte ich das Deja-vu.

Es wäre die Lösung vieler Probleme: Bund, Länder und Gemeinden könnten durch die Vermietung von Straßen als Werbefläche ihre maroden Kassen auffüllen. Als netten Nebeneffekt gäbe es neue Arbeitsplätze in der Werbebranche, was wiederum ein Mehr an Steuereinnahmen mit sich bringen würde. Außerdem könnten die Räumdienste im Winter von den werbenden Unternehmen mitfinanziert werden, da diese ebenfalls ein begründetes Interesse an einer freien Sicht auf die Straße hätten.

Entlang staugefährdeter Straßen könnte man zusätzlich noch über Promotion- oder Verkaufsstände der jeweiligen Produkte nachdenken. Vorstellbar wäre es auch, mittels inszenierter Staus den Absatz durch verzweifelte und frustrierte Autofahrer anzukurbeln.

Und mir wäre in meiner jetzigen Situation nicht mehr so langweilig, wenn ich Botschaften wie "Überholen Sie ruhig, wir kümmern uns um den Rest - Bestattungen Müller" oder "Wenn hier schon überhaupt nix geht, dann lieber mit der Bahn zu spät" auf dem Asphalt lesen könnte.

Ich hätte die beiden, den Traktorfahrer und den Rentner, in diesem Moment am liebsten umarmt. Sie hatten mich auf eine Idee gebracht, die mein Leben verändern könnte. Und vielleicht erkennt man gute Ideen doch nicht immer daran, dass ein anderer sie bereits lange vor einem selbst hatte. Ich vergesse meinen Termin und fahre zur nächsten Geschäftsstelle der CDU um einen Mitgliedsantrag auszufüllen. Und ab Herbst werde ich dann Verkehrsminister. Sorry, Herr Stolpe, aber es wird Zeit für neuen Schwung auf Deutschlands Straßen!

Und jetzt fahr endlich mal, Du Depp! Sonst klaut mir womöglich wieder jemand meine Idee…

Quelle: http://www.zyn.de/wagenvormir/792429.html