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Piano man


Der traurige Mann am Klavier
Er spricht kein einziges Wort und ist völlig verängstigt. Nur wenn er Klavier spielt, weicht seine Furcht:

Er trug ein schwarzes Jackett, eine Krawatte und eine elegante Hose, als die Polizei ihn fand. Er konnte nicht sagen wie er heißt, wo er wohnt und warum er mitten in der Nacht bei Sturm und Regen eine Küstenstraße in Sheerness in Südosten Englands herunterläuft, ganz ohne Ziel. Er schien ihnen wie ein Gestrandeter. Oder wie jemand, der gerade von einer Beerdigung kam. Er sprach kein Wort. Das war am 7. April 2005.

Die Polizisten brachten den 1,80 Meter großen Mann mit der seltsamen Körperhaltung, den hochgezogenen Schultern und dem ängstlichen Blick in die Psychiatrie im Medway Maritime Hospital in Kent. Dort untersuchten ihn die Ärzte, aber sie konnten nichts finden. Es fiel nur auf, daß er sich jedesmal krümmte, wenn er ein neues Gesicht im Raum entdeckte. Man kam auf die Idee, ihm einen Zettel und einen Stift zu geben, und der Mann zeichnete eine schwedische Flagge und einen Flügel - dreidimensional, mit der exakten Anzahl von Tasten und den richtigen Schattierungen. Die Ärzte führten ihn zu einem Klavier in der Krankenhaus-Kapelle. Er setzte sich und spielte.

Was die Mediziner dann hörten, ließ sie verstört zurück. Der Kapellmeister erkannte im melancholischen Spiel des Unbekannten Tschaikowskys Schwanensee und viele Anlehnungen an klassische Stücke, die er nicht identifizieren konnte und die er für eigene Kompositionen des Mannes hielt. Er spielte in seinen Augen talentiert. Virtuos. Die Stücke liefen ineinander über, es gab keine Anfänge, keine Enden. Musikexperten verglichen die Musik mit den Arbeiten des italienischen Komponisten Ludovico Einaudi.

In den folgenden Tagen setzte der schweigende Patient sich manchmal bis zu vier Stunden am Stück ans Klavier. Oft spielte er bis zur völligen Erschöpfung. Das Klinik-Personal mußte ihn dann zwingen, wieder aufzuhören.

"Nur wenn er spielt, wirkt er entspannt, es ist fast, als würde er von der Musik verschlungen", sagt der Sozialarbeiter Michael Camp, der den Unbekannten betreut. "Am Klavier wird er lebendig, nur dann läßt er es zu, daß wir nahe bei ihm stehen, dann können wir ihn sogar anfassen."

Der "Piano Man", wie sie ihn tauften, ist bis heute nicht identifiziert. Und er schweigt bis heute. 320 Anrufe und 70 E-Mails sind im Krankenhaus eingegangen. Hinweise, die sich auf den Mann zwischen 20 und 30 Jahren beziehen, der am 7. April an der Küste von Sheerness gefunden wurde. Laut der Tageszeitung "The Guardian" dachte ein Anrufer, er sei ein schwedischer Pianist, der in Skandinavien und in Großbritannnien arbeitet und im nächsten Monat in der Wigmore Hall in London spielen soll. Eine Frau behauptete, er sei ein depressiver Musiker aus Nordwestengland, den sie in den 80ern kennengelernt hat, ein anderer vermutet einen ehemaligen Mitschüler vom Canterbury College. Es wird Tage dauern, die Informationen auszuwerten, sagt ein Krankenhaus-Sprecher.

"Er scheint ein professioneller Pianist mit außergewöhnlichen Fähigkeiten zu sein", sagt Betreuer Michael Camp. "Wenn er spielt, verschwindet all seine Furcht". Die englische Boulevardzeitung "The Sun" hat dem Mann daraufhin ein Keyboard geschenkt. Es steht in seinem Zimmer, aber er spielt von Tag zu Tag seltener darauf. Manchmal gar nicht mehr. Der "Washington Post" sagte Michael Camp, daß sein Schützling in der ganzen letzten Woche geweint habe. "Es kann sein, daß eine Art Trauma das verursacht hat". Der Mann sei schon sehr ängstlich im Krankenhaus angekommen, sagt Camp, und: "Wir wissen nicht warum. Er hat, soweit wir wissen, kein Verbrechen begangen, aber wir haben den Eindruck, daß er sehr verletzlich ist".

Quelle: http://www.welt.de/data/2005/05/18/719702.html