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Schönborn Interview


Schönborn sorgt für Aufsehen.

In einem Gespräch für das neue Buch “Österreich - und jetzt?“ des ehemaligen „Presse“-Chefredakteurs Andreas Unterberger übt Schönborn scharfe Kritik an der Political correctness, bedauert den Immigrationsdruck, der auf Österreich liegt, und lehnt die Schwulenehe vehement ab.

„Besondere Sorgen“ bereitet Schönborn, dass Europa „in sehr dramatischer Weise Abschied von einem Weiterleben in der nächsten Generation genommen“ habe. „So wie die Entwicklung in Europa ist, wird der Immigrationsdruck in den nächsten Jahrzehnten enorm sein ... Es wird in diesem Vakuum der europäischen Geburtenverweigerung ein Immigrationsdruck entstehen, der verständlicherweise vielen Menschen Angst und Sorge macht.“ Eine solche Entwicklung sei „natürlich immer auch mit Trauer verbunden. Weil diese europäischen Kulturen sind ja nicht so einfach etwas, von dem man so leicht Abschied nimmt. Das sehe ich tatsächlich mit einem gewissen Bedauern, aber nicht hoffnungslos.“

Vom christlichen Charakter Europas zeigte sich der Wiener Kardinal dennoch überzeugt. Auch wenn es eine „Verdünnung“ gebe, glaubt Schönborn nicht, „dass das Christentum sozusagen verdunsten wird, sondern dass es durchaus auch in Europa so etwas wie eine Trendwende weg von der Säkularisierung gibt“.

In diesem Zusammenhang stellt sich Schönborn schützend vor den italienischen Politiker und Vatikan-Berater Rocco Butiglione, der im vergangenen Herbst bereits als EU-Kommissar für Inneres und Justiz nominiert worden war, auf Grund seiner prononciert konservativen Äußerungen über Homosexuelle und Frauen aber im EU-Parlament durchfiel. „Die Reaktionen auf Buttiglione sind nicht nur Reaktionen gegen seine christlichen Positionen, sondern es ist einfach die Feigheit der Political correctness, Dinge beim Namen zu nennen, von der ein Großteil der Bevölkerung überzeugt ist.“

„Zwischen Menschen gleichen Geschlechts gibt es keine Ehe“, so Schönborn. „Das ist nicht eine Frage von Religion, das ist eine Frage - pardon - von Physiologie, von Psychologie, das ist eine Frage dessen, was wir Natur nennen. Das gehört nicht nur zum klassischen christlichen Erbe, sondern auch zum klassischen antiken Erbe, dass es so etwas wie die menschliche Natur gibt, und dass die dauerhafte Beziehung zwischen Mann und Frau Ehe genannt wird und die Fruchtbarkeit dieser Beziehung Familie genannt wird. Das nicht in dieser Klarheit zu sagen, ist die Feigheit der Political correctness.“

Auf die Frage, warum er sich dann nicht auch auf die Seite von Unterrichtsministerin Elisabeth Gehrer (V) gestellt habe, die gemeint hatte, dass der Sinn des Lebens nicht nur im Partygehen liege und dafür heftig kritisiert wurde, meinte der Wiener Erzbischof: „Meine Entschuldigung ist, dass ich damals im Ausland auf Urlaub war. Sie haben völlig Recht, es ist manchmal erfrischend, wenn man Stimmen in unserem Land hört, die sich trauen, Dinge einfach unaggressiv, unaufgeregt, aber klar beim Namen zu nennen.“

Mit Sorge beobachtet Schönborn die wachsende Schere zwischen den vielen immer mehr Verdienenden und denen, die tendenziell eher weniger verdienen. „Soziale Spannungen haben sich in früheren Jahrhunderten auch anders entladen als durch Ideologien, sie haben zu Bürgerkriegen geführt, sie haben zu Gewaltausbrüchen geführt. Und das kann bei uns wieder kommen.“

Das Gespräch wurde kurz vor Ende der Ära Johannes Paul II. geführt und stellt eines der ausführlichsten mit dem Wiener Kardinal dar. Schönborn wurde zuletzt im Vorfeld der Wahl des neuen Papstes als möglicher Kandidat für das Amt des Heiligen Vaters gehandelt. Seit der Wahl von Josef Ratzinger zum neuen Papst Benedikt XVI. halten Vatikan-Kenner auch einen Karrieresprung Schönborns - etwa als Nachfolger Ratzingers zum Präfekten der Glaubenskongregation - für möglich.

Quelle: vienna.at 20050422 - 080609 oesterreich